LebensArt-Magazin, Oktober 2010, Presse

Den Abschied gestalten

Seit ca. sechs Jahren arbeite ich als Bestatterin, oft werde ich gefragt, was diese Tätigkeit beinhaltet. Genauso, wie vielen Menschen dieser Beruf fremd ist, haben sie wenig oder gar keine Erfahrung im Umgang mit Toten. Das erging mir in der Vergangenheit übrigens nicht anders. Als meine Oma oder meine Freundin verstarben, war ich zwar am Sterbebett, aber als Tote sah ich sie nicht.

Die Kultur, Tote gemeinsam zu waschen, anzuziehen, aufzubahren, Totenwache zu halten, Sargbeigaben mitzugeben, den Sarg anzumalen, die Urne zu gestalten und Ähnliches kannte ich nicht aus eigener Erfahrung. Dieses und vieles Andere lernte ich in Praxiseinsätzen von verschiedenen Bestatterinnen, um es dann in meinem eigenen Betrieb umzusetzen.

Meistens rufen mich Menschen an, nachdem jemand gestorben ist, oft wird der Kontakt aufgenommen, wenn jemand im Sterben liegt, selten sind es die schwerkranken Menschen selber, die mit mir sprechen möchten. Die letztgenannte Situation ist eine ganz besondere. Ich finde es wunderbar, wenn diejenigen, die wissen, dass der Tod sehr nah ist, sich selber entscheiden, was nach ihrem Tod geschehen soll und wir darüber sprechen können. Dies sind Situationen, die viel Kraft kosten, sehr viel Nähe bedeuten und von besonderer Intensität und Intimität geprägt sind.

Wenn später z.B. die Gestaltung des Sarges, die Trauerfeier und die Bestattung so durchgeführt werden, wie die Verstorbenen es gewünscht haben, strahlt dies für alle Beteiligten viel Versöhnung aus.

Nicht alle Menschen können und wollen mit der Situation so offen umgehen. Auch das gilt es zu akzeptieren. Manchmal sind es Unfälle oder Suizid, auch plötzliche Krankheiten, die einem Leben abrupt ein Ende setzen. Hier kommt der Aufbahrung, das bedeutet der Abschiednahme an dem oder der Toten, eine besondere Bedeutung zu. Wenn es nicht „zu fassen“ ist, was geschehen ist, kann es eher zu „begreifen“ sein, wenn der gestorbene Mensch angefasst, gestreichelt, geküsst werden kann. Mir sagte einmal eine Witwe, nachdem ihr Mann zu Hause aufgebahrt war: “Jetzt kann ich ihn leichter gehen lassen, hier liegt nur noch seine Hülle, die Veränderung konnte ich wahrnehmen“.

Nicht in jeder Situation ist eine Aufbahrung möglich oder sinnvoll, manchmal ist sie nicht gewünscht. Auch diese Entscheidung kann individuell unterschiedlich ausfallen, es gibt kein „richtig“ oder „falsch“. In jeder Situation gilt es, neu zu betrachten und zu entscheiden. Meine Rolle ist es dabei, die Angehörigen (damit meine ich auch Freunde) zu beraten und zu begleiten.

Darüber hinaus ist es meine Aufgabe die Verstorbenen (auch gemeinsam mit den Angehörigen, wenn dies gewünscht wird) zu waschen, anzukleiden und zu versorgen. Gelegentlich ist dieses nicht gewollt oder wurde von Pflegekräften im Krankenhaus, im Altenheim oder Hospiz getan.

Gerade bei Unfalltoten kann es eine schwierige Aufgabe sein zu entscheiden, ob die Abschiednahme an den Toten sinnvoll ist. Dazu ist Voraussetzung, dass ich mir die Verstorbenen ansehe, bevor sie in den Sarg gebettet werden. Ich habe erlebt, dass die Abschiednahme an einer unversehrten Hand oder dem Kopf des Verstorbenen für die Angehörigen außerordentlich hilfreich war für den eigenen Abschiedsprozess. Das gemeinsame Einbetten und Schließen des Sarges kann als Ritual gestaltet werden. Besonders beeindruckte mich Frau M., die während des Sommers Rosenblätter aus dem eigenen Garten sammelte, trocknete und in Einmachgläsern aufhob. Ihr Mann verstarb zu Hause und sie legte die Rosenblätter in den Sarg, so dass er „auf Rosen gebettet“ wurde. Auch Kinder können aktiv einbezogen werden, wenn sie für die Toten Bilder malen, Briefe schreiben, Blumen pflücken oder den Sarg bemalen. Die Trauerfeier so zu gestalten, dass die Trauergäste teilhaben können an dem Abschiedsritual, in der Hoffnung, dass Kraft entwickelt werden kann für das eigene Leben, ist für mich immer wieder eine neue Herausforderung. Oft ist es hilfreich für Angehörige, wenn sie aktiv gestalten können. Meine Erfahrung ist, das Handeln kann dazu führen, sich mit den Toten verbunden zu fühlen und gleichzeitig loszulassen. Dieses verstehe ich als eine grundlegende Herausforderung für Trauernde: die Verbindung zu den Verstorbenen erhalten und gleichzeitig Abschied zu nehmen von der irdischen und physischen Anwesenheit und Begegnungsmöglichkeit. Falls Sie ein Gespräch wünschen oder Fragen haben, rufen Sie gerne an.

 

LebensArt-Magazin / Oktober 2010